Thesen zur Nachhaltigen Entwicklung

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Präambel

Wissenschaftlich fundierte Feststellungen zur aktuellen Lage der Welt wie z.B. der aktuelle IPCC-Bericht zum Klimawandel veranlassen uns, unserer wissenschaftlichen Arbeit Wertsetzungen zu Grunde zulegen, wie sie seit ca. 20 Jahren zunehmend in internationalen Dokumenten wie der Agenda 21 sowie in nationalen Dokumenten (Art. 20a Grundgesetz der BRD, Art. 120 der Bundesverfassung der Schweiz) in der Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung festgeschrieben werden. Ziel einer nachhaltigen Entwicklung ist die Erhaltung der Lebensbedingungen für zukünftige Generationen. Erhaltung bedeutet hier nicht Konservierung des Zustandes in der Vergangenheit sondern Einbettung in ein dynamisches, Veränderungen unterworfenen System im Sinne einer humanen, ökonomischen und ökologischen Evolution.
Bezogen auf Menschen betrifft dies Forderungen nach intra- und intergenerationaler Gerechtigkeit, welche die Erfüllung von Grundbedürfnissen heute sowie zukünftig lebender Generationen sicherstellen.
Bezogen auf nicht menschliche Lebensformen sind dies Forderungen nach einer Respektierung, Achtung und Erhaltung allen Lebens, wie sie von der Erd-Charta Bewegung formuliert werden, welche von einem gleichen Recht aller Lebewesen zum Leben und einer Vernetztheit alles Seienden ausgehen und daher die bislang sogenannte „Umwelt“ als „Mitwelt“ zu bezeichnen nahelegen.
Damit diese Wertsetzungen in unserem Handeln die gewünschten Effekte erzielen können, plädieren wir für aktive Beiträge zu einer Beziehungskultur, in der die einzelnen Agierenden sich gegenseitig unterstützen, sich damit in ihren Potenzialen entfalten und so auf Dauer in gutem Miteinander und Füreinander existieren können.

Prinzipien

Folgende sechs Prinzipien für ein von diesen Grundwerten getragenes Nachhaltigkeitsverständnis sehen wir im Kern als notwendig an (der Anstrich deutet jeweils einen Bezug zur Bioenergie an):

» Achtungsprinzip: Achtung der Würde und Bewahrung der Integrität aller Lebewesen.

» Vorsichtsprinzip: Aus den sozio-ökonomischen Ursachen für die gegenwärtigen Zerstörungsprozesse (z.B. Klimawandel, Artensterben) Folgerungen für künftige Entwicklungen ziehen: Wenn nach heutiger Kenntnis menschliche Eingriffe in die Biosphäre irreversible Folgen haben (z.B. Verbreitung gentechnisch manipulierter Arten), Eingriffe dieser Art unterlassen.

» Konsistenzprinzip/Kreislaufprinzip: Übergang von der primären Nutzung endlicher Ressourcen hin zur Nutzung erneuerbarer Ressourcen unter Einbezug von Kaskadennutzung und Schließung von Nutzungskreisläufen unter Minimierung des Abfallaufkommens.

» Effizienzprinzip: Erreichung höchstmöglicher Wirkungsgrade bei der Nutzung von Rohstoffen anzielen, da auch erneuerbare Rohstoffe begrenzt sind (deren Ertrag pro Jahr ist nicht beliebig steigerbar).

» Gerechtigkeits-/Suffizienzprinzip: Wenn die verfügbaren Rohstoffe gerecht verteilt werden, erfordert das Lebensweisen, die mit deutlich weniger Rohstoffverbrauch als in den Industrieländern üblich auskommen und stattdessen die nichtmateriellen Potentiale für sinnerfülltes Leben (Kreativität, Kunst, soziales Miteinander) betonen.

» Partizipationsprinzip: Akteure und Betroffene von der Suche nach konkreten Umsetzungen neuer Wirtschaftsweisen über deren schrittweise Implementierung bis hin zur Einbindung in den Alltag zusammenbringen. Chancen gemeinsam ausloten, Bedenken gemeinsam reflektieren, um partnerschaftliche Lösungen zu finden und um den Einfluss aller Beteiligten auf Entscheidungsprozesse zu sichern. Miteinander und Füreinander treten an die Stelle von Gegeneinander.

Leitlinien bei der Umsetzung der Prinzipien

Die zur Verfolgung dieser Prinzipien notwendigen individuellen und sozialen Prozesse können wirksam werden, wenn die Akteure die folgenden Leitlinien beachten:

» Ganzheitlichkeit: Unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen. Verschiedene Denk- und Erfahrungsmodi zulassen; Einzelvorhaben im Zusammenhang des Ganzen wie auch langfristiger Zeitplanung zu bewerten versuchen.

» Umsetzungsorientierung: Auf das menschliche Potential zu den gewünschten Veränderungen vertrauend und sich an gelungenen Projekten zur nachhaltigen Entwicklung orientierend die neuen Wege mit adäquater Planung in die Tat umsetzen.

» Empathische Reflexion und Unterstützung: Wechselseitige Anerkennung, Wertschätzung Unterstützung und Inspiration. Perspektiven, Sichtweisen, Gefühle anderer ernstnehmen und als Chance und Bereicherung für das Finden adäquater Lösungen sehen. Solidarität und Rücksicht mit analytischer Klarheit zusammenbringen.

» Diaphane Planung: Methodologie, welche der Komplexität von globalen Problemen zu entsprechen sucht. Einzelne Ziele auf ihren Sinnbezug zur Nachhaltigkeit, auf die Mitwelt – Horizonte hin reflektieren. Phantasievoll und schöpferisch mit Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten umgehen und sie als mögliche Bereicherung sehen. Neue Möglichkeiten und Potentiale suchen und mit wissenschaftlichen Perspektiven und Pragmatismus in Balance bringen.


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Beispielhafte Anwendung der Thesen bei der Nutzung von Bioenergie

Mit Bezug auf die Bioenergie sollen mit den Nachhaltigkeitsprinzipien folgende beispielhafte Punkte zum Ausdruck gebracht werden:

» Achtungsprinzip: Bei der Energiepflanzenproduktion muss der Schutz der Natur gewährleistet sein.

» Vorsichtsprinzip: Ablehnung gentechnisch manipulierter Energiepflanzen. Ablehnung industrialisierter Monokultur, wenn das Vorsichtsprinzip verletzt wird; Alternativen suchen und anwenden.

» Konsistenzprinzip/Kreislaufprinzip: Bei Energiepflanzen eventuelle Kaskadennutzung und konsequente Rückführung von Reststoffen in die natürlichen Kreisläufe. Erkunden, welche Stoffe über Viehfutter, Gülle, Gärreste, synthetische Düngemittel und Biozide in den Boden gelangen (auch unter Beachtung des Transfers in Grundwasser und Pflanzen). Sofern hier Kreislaufprinzipien verletzt sind oder neue kritische Stoffe entstehen, Alternativen suchen und nutzen.

» Effizienzprinzip: Bei der Wärme-, Strom- und Treibstoffproduktion ist die Energie, welche in die Erstellung der Anlagen und in den Produktionsprozess einfließt, zu minimieren. Beispielsweise verletzen lange Transportwege für Rohstoffe oder die Nicht-Nutzung von Wärme aus Kraftwerken dieses Prinzip. Die Frucht und Energieform (Biogas vs. Biokraftstoffe) mit dem höchsten nutzbaren Energieertrag auswählen – allerdings unter Beachtung auch der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitsprinzipien.

» Gerechtigkeits-/Suffizienzprinzip: Ein Bioenergiedorf, bei dem Ressourcen aus dem direkten Umfeld energetisch genutzt werden und in dem Menschen gern und stolz leben und anfangen, gemeinsam ihre Häuser zu dämmen, weil sie den Silageberg am Ortsrand reduzieren wollen, und ihre Erfolge feiern, z.B. weitere Häuser im Dorf ans Wärmenetz anschließen, entspricht diesem Kriterium stärker als eine Ortschaft mit Bioenergie-Großanlage mit längeren Zulieferwegen, Export der Wertschöpfung, hohem Energieaufwand und einer indifferenten, unbeteiligten lokalen Bevölkerung.

» Partizipationsprinzip: Gemeinschaftliche Lösungen wie Bioenergiedörfer; Bürgerinitiativen gegen Bioenergieprojekte als Signale gegen das Partizipationsprinzip wahrnehmen und gemeinsam alternative, nachhaltige Bioenergieprojekte anstreben


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Letzte Aktualisierung: 14.3.2011 (erarbeitet vom BiS-Team und dem Vorstand des IZNE)

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