Dialog und gesellschaftliche Transformation

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Eine nachhaltigkeitsorientierte demokratische Transformation, also Veränderung der Gesellschaft ist wegen aktuell bedrohlicher Entwicklungen (z.B. wachsende soziale Ungleichheit, Klimawandel, Artenschwund und Verknappung endlicher Rohstoffe) zu einer der Funktionsvoraussetzungen menschlichen Lebens und menschlichen Glücks geworden. Dazu nötig ist eine Neu-Erfindung der Lebenskulturen und gesellschaftlichen Strukturen z. B. bezüglich des Industriesystems, der Ernährung, der Konsum-, Mobilitäts-, Wohn- und Arbeitsgewohnheiten, Landwirtschaft, Energieversorgung, des Bildungswesens usw. Ankerpunkte sind dabei die Qualitäten der Beziehungen der Menschen zueinander und zu ihrer Mitwelt, den Tieren, Pflanzen und Naturräumen.
Diese gigantischen Transformationsaufgaben erfordern eine breite Aktivierung vieler schöpferischer Individuen und Kollektive. In allen gesellschaftlichen Feldern sollte dazu ein “Großer Ratschlag” organisiert werden. Die Basis eines eines solchen Problembearbeitungsprozesses ist ein nachhaltigkeitsorientierter Dialog. “Dialog” wird hier verstanden als Aufklärung, Sinnreflexion, präzise Argumente, empirisches Wissen und das Umgehen mit Nichtwissen. Es geht substanziell um den “Dia-Log”: um erweiterte Horizonte des Bewusstseins, um das durch die Probleme und Themen “Durchscheinende” vor dem Hintergrund der Annahme ganzheitlicher Allverbundenheit aller Phänomene. Unter Einbeziehung aller Sinne geht es um das Sich-Hineinversetzen in die Dinge und das empathische Einfühlen der Dialogteilnehmer untereinander in Verbindung mit kritischer Rationalität und analytischer Kompetenz. Man kann das zusammenfassen als “empathische Reflexion” und “ganzheitliche diskursive Kommunikation”. Der Dialog ist dabei eine bestimmte Form gemeinschaftlichen In-Beziehung-Seins. Mit ihm ist das Sich-Zuhören, Aufeinander-Achten und eine emotional-intuitive Verbundenheit der Beteiligten gemeint. In diesem Dialog können sich Beziehungsqualitäten entfalten, die zugleich Grundqualitäten nachhaltiger Lebenskulturen sind. Ihre Kerne sind Einsicht, Mitgefühl, Liebe, Vernunft und reflexives kritisches Fragen. Im Rahmen dieses Arbeitsfeldes des IZNE sollen Theorie und Praxis vorhandener gesellschaftlicher Dialoge wissenschaftlich untersucht und eigene neue Konzepte initiiert und erprobt werden. Dabei geht es u.a. um die Fragen, ob und inwieweit Dialogmodelle als Elemente organisierter Planungsprozesse sowie in “spontanen” Situationen die erwarteten Effekte haben: motivierende Inspiration, kreative Ideenfindung, besseres Umgehenkönnen mit Komplexität, Unsicherheit und Paradoxien. Besonders wichtig ist das praktische und Forschungsinteresse in diaphanen Planungsprozessen daran, ob es gelingt, fachliche Spezialfragen immer wieder auf eine übergreifende Metaebene und weitere Wahrnehmungshorizonte zu beziehen (Förderung der “Sinnsibilität”). In diesem Zusammenhang geht es auch um die Frage der Angemessenheit der “Dialogmethodik” (soziale Arrangements, Rollengestaltungen, Kommunikationsregeln, Planungsmoderation).

Ergänzend: ausgewählte Literatur von Prof. Dr. Peter Schmuck

Schmuck, P. (2005). Die Werte-Basis nachhaltiger Entwicklung [The value base of sustainable development]. Natur und Kultur. Zeitschrift für ökologische Nachhaltigkeit 6, 84-99.

Schultz, W., Gouveia, V., Cameron, L., Tankha, G., Schmuck, P. & Franek, M. (2005). Values and their relationship to environmental concern and conservation behavior. Journal of Cross Cultural Psychology 36, 457-475.

Schmuck, P. & Eigner, S. (2004). Potentiale der Psychologie zur Förderung Nachhaltiger Entwicklung. In: Jüttemann, G. (Hrsg.), Handbuch Psychologie als Humanwissenschaft, S. 330-344. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

Schmuck, P. & Vlek, C. (2003). Psychologists can do much to support sustainable development. European Psychologist 8, 66-76.

Schmuck, P. (2003). The future of industrial civilization: Are there ways out of the global crisis? Peace and Conflict, Journal of Peace Psychology 9, 181-183

Schmuck P. & Schultz, W. (2002). Sustainable development as a challenge for psychology. In: P. Schmuck & W. Schultz (Eds.), Psychology of sustainable development, pp. 3-19. Boston: Kluwer Academic Publishers.

Schmuck, P. & Schultz, W. (Eds.), (2002). Psychology of sustainable development. Boston: Kluwer Academic Publishers.

Schmuck, P. (2001). Planet der Nachhaltigkeit. Natur und Kultur. Zeitschrift für ökologische Nachhaltigkeit 2, 111-116.

Erstellung: 7. Jan. 2011

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